Manche geben es gleich zu, süssigkeitenabhängig zu sein, andere essen Zucker, ohne es zu beabsichtigen, versteckt als Konservierungsstoff oder Geschmacksverstärker in industriell hergestellter Nahrung. Die Lawine rollt: Weltweit leiden immer mehr Menschen an den Folgen des bewussten oder unbewussten Zuckerkonsums. Unabhängige Experten aus der Wissenschaft warnen vor den Gefahren moderner zuckerreichen Ernährung, unter anderem vor Übergewicht, Alzheimer, Krebs und Diabetes. Ein internationales Forscherteam beziffert die globalen Ausgaben, die alleine auf die Stoffwechelerkrankungen zurückzuführen sind, auf 1300 Milliarden US-Dollar pro Jah. (1 Seit Jahrzehnten hat die Zuckerlobby die Politik im Griff. Der Verkauf wird gefördert, die Nebenwirkungen werden verharmlost oder unterschlagen, mit freundlicher Unterstützung von Staat und Wissenschaft. Mit diesem Artikel möchte ich klären, ob die zuckerreduzierte Ernährungsweise nachweisbare gesundheitsfördernde Wirkung haben kann. Und was genau verursacht der übermässige Zuckerkonsum? Welche Folgen hat der menschliche Körper, wenn er ununterbrochen mit Zucker konfrontiert wird?

 

 

Nahrung. Baustoff für Muskeln, Zellen und Gewebe. Im Grunde genommen soll Nahrung uns einfach satt machen. In physiologischem Sinn ist Ernährung das, was der Körper aufnimmt und weiterverarbeitet. Aber braucht der Körper wirklich alles, was wir essen? Welche Makro- und Mikronährstoffe tun ihm gut und welche nicht? Die Diskussionen um die Ernährung werden von Jahr zu Jahr immer lauter. Genetisch modifizierter Mais, Pestizide in Erdbeeren oder Pflanzenschutzwirkstoff Glyphosat im Getreide. Massenproduktion hat ihren Preis, deshalb muss der Mensch noch lernen, damit zu leben! Alle Risiken sollen geklärt und möglichst beseitigt werden. Denn die Zukunft der Menschheit kann nur dank Gentechnik gesichert werden. 

 

So positioniert sich Dr. Armin Scheben im Fachmagazin „Science“ zum Thema Gentechnik:

 

"Im Kampf gegen Lebensmittelknappheit in weiten Teilen der Welt könnten diese Techniken helfen. Die relativ neuen Technologien müssten noch präziser werden. Zudem müssten Gesetzgeber, Hersteller und Konsumenten diese Art der Gentechnik akzeptieren.“ (2)

 

Abgesehen von den „Newcomern“, gehört der Zucker zu altbekannten Lebensmittel, bei denen die Wissenschaft, Lebensmittelindustrie und die Gesetzgeber auch unstimmig sind. Manche Politiker setzen sich für die Einführung von Zuckersteuer ein, andere rehabilitieren* wieder den Zucker und stützen sich auf Studien, wo er als unbedenklich gilt. Es liegt vielleicht daran, das gewisse Studien und Kampagnen von unterschiedlichen Interessengruppen oder Lobbys finanziert wurden.

 

* Coca-Cola Schweiz AG, Red Bull und Rivella haben eine sogenannte „Informationsgruppe Erfrischungsgetränke“ gegründet, um die Schweizer Bevölkerung über «einen aktiven Lebensstil und ausgewogene Trinkgewohnheiten zu informieren». Kernaussage dieser Kampagne: ein Mangel an körperlicher Bewegung sei der Hauptgrund für Übergewicht – und nicht etwa der Zucker. (3)

 

Fakt ist, dass die moderne Supermarkt-Kost mit Zucker überfüllt ist und nichts deutet darauf hin, dass diese Situation sich verbessern wird. Schon die Bezeichnungen klingen nicht mehr nach Zucker und schon gar nicht nach Essen. Sie werden eigentlich nur von Chemikern verstanden und heissen zum Beispiel: Maltit, Panocha, modifizierte Stärke, Treacle, Gerstenmalz, Mannit, Melasse, Dextrin, Muscovado, Dextrose, Maltodextrin, Raffinose, diastatischer Malz, Maltose, Oligofruktose, Kandis, Xylit, Diastase, Ethylmaltol, Fructooligosaccharide, Inulin, Isomat, Maissirupfeststoffe, Weizendextrin, Sorbit und so weiter. Die Mediziner sehen einen klaren Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Übergewicht. Aber es geht um viel mehr als Ästhetik und Schönheit: Die WHO gibt düstere Prognosen für die weltweite Diabetes-Verbreitung im Jahr 2030. (4)

In den letzten Jahren gibt es immer mehr Erkenntnisse darüber, dass eine dauerhafte zuckerarme Ernährung nicht nur zur nachhaltigen Gewichtsreduktion führt, sondern viele Zivilisationskrankheiten (hohe Cholesterinwerte, Diabetes Typ 2, Krebs) nicht nur zum vorübergehenden Stillstand bringt, sondern sogar zum völligen Verschwinden. Zudem Treten dabei keine Nebenwirkungen auf. Hier nenne ich die Quellen, die mich besonders bei dem Thema bewegt haben: 

 

Eine grosse Studie (5) der Newcastle University, die in Diabetes Care veröffentlicht worden ist, weisst nach, dass bereits nach acht Wochen einer strenger Diät 26 von 30 Diabetiker-Patienten keine Medikamente mehr brauchten.

Je mehr Zucker verzehrt wird, desto schlechter sind die Cholesterinwerte. Das ergab die „Nationale Erhebung zu Ernährung und Gesundheit“, die in der Zeitschrift Circulation veröffentlicht (6) wurde. Die Probanden  mit dem höchsten Zuckerverzehr hatten die schlechtesten Cholesterinwerte, die niedrigsten Werte beim „guten“ Cholesterin HDL (High-Density-Lipoprotein) und die höchsten beim „bösen“ LDL (Low-Density-Lipoprotein).

In dem US-Amerikanischen Fachmagazin ACS Chemical Neuroscience stellt die Suchtforscherin Magalie Lenoir dazu fest: „Der Mensch ist nicht eingestellt auf hohe Konzentrationen von süssem Geschmack. Erst die übermässige Stimulation der Rezeptoren durch eine zuckerreiche Ernährung infolge des überreichen Angebots an Süssem in modernen Gesellschaften führe zu übermässigen Hirnreaktionen, die die Selbstkontrollmechanismen überrollen und so zur Süssigkeitensucht führen könnten.“ (7)

 

Krebsforscherin Ulrike Kämmerer die Autorin des Buchs „Krebszellen lieben Zucker“ schreibt:

„Viele Krebszellen gewinnen einen Grossteil ihrer Energie, indem sie  Zucker vergären und somit abhängig von einer ausreichenden Versorgung mit Zucker sind. Durch ein Absenken des Blutzuckerspiegels könnte man die Zuckerversorgung der Krebszellen reduzieren. Infolgedessen könnten sie nur noch schwer Energie gewinnen und schlechter wachsen.“ (8)

Es wäre aber sehr radikal, jeglichen Zucker wegzulassen und womöglich alle schnellverdaulichen Kohlenhydrate dazu. Aber eventuell ist dies der einzige Ausweg für jene, bei denen das Leiden stärker ist als das Verlangen nach Süssem. Jeder gesunder Mensch, der sich für weniger Zucker entscheidet, geht präventiv gegen künftige Krankheiten vor. 

 

Die meisten Menschen verbinden unkontrollierten Lebensmittelkonsum mit Lebensqualität. Vielen fällt es schwerer, auf ein Desert zu verzichten als lange Laufband-Einheiten zu absolvieren oder Rechnungen von Wundermittel-Herstellern und Schönheitschirurgen zu begleichen. Woran liegt es, dass sich der Mensch durch unkontrollierten Zuckerkonsum schleichend krank macht? Wie kommt es dazu, dass eine Zuckerabhängigkeit sich entwickelt und es nur wenige Menschen gibt, die diese Sucht im Griff haben?

Die physiologischen Mechanismen des Körpers sind eng mit dem erlernten Ernährungsverhalten verbunden, die den Mensch dazu führen, dies oder das zu essen. Wenn man diese Verhaltensmechanismen ignoriert und ausschliesslich auf physiologische Prozesse achtet, wird jede Diät (als reiner Verzicht auf Lieblingsspeisen) unwirksam – im besten Fall hilft sie, das Gewicht vorübergehend zu reduzieren. Darum soll eine professionelle Begleitung bei der Ernährungsumstellung nicht nur physiologische, sondern auch psychologische Aspekte beinhalten.

 

In beiden Aspekten spielt das übermässige Essen eine führende Rolle, vor allem der übermässige Verzehr von Lebensmitteln, die leicht verdauliche Kohlenhydrate enthalten.

 

Wenn wir von schnell verdaulichen Kohlenhydraten reden, meinen wir meistens die Lebensmittel, die Zweifach- und Einfachzucker enthalten und damit schneller aufgenommen werden, als wir es nötig haben. Schnelle und übermässige Energie wird als Fett eingelagert. Darum werden die schnellen Kohlenhydrate zu Dickmachern. Aber wie kommt es dazu, dass die übermassige Energie uns nicht nur dick, sondern auch krank machen kann?

 

Um das zu verstehen, machen wir einen kurzen Exkurs in die Physiologie. Nehmen wir das Beispiel von Glukose.

Physiologie

Glukose gehört zu den Einfachzuckern und wird im Körper aus praktisch allen verwertbaren Kohlenhydraten (wie zum Beispiel Stärke und Haushaltszucker) hergestellt. Glukose (auch Traubenzucker genannt) ist in vielen biochemischen Prozessen des Körpers beteiligt. Sie wird zum Beispiel indirekt bei der Proteinsynthese verwendet. (9) Ausserdem wird Glukose zu Fett und Glykogen verarbeitet.

 

Glukose ist der Hauptbrennstoff für die Energiegewinnung in unseren Zellen. Diese Energie entsteht durch sogenannte Zellatmung in den Mitochondrien, den „Kraftwerken” der Zelle. Die Gehirnzellen und die roten Blutkörperchen verarbeiten ausschliesslich Glukose zur Energiegewinnung.

Die Glukose ist die wichtigste Energiequelle, aber in eine Zelle kann sie nur mit Hilfe der Hormons Insulin gelangen* – einem Hormon, das von den so genannten ß-Zellen der Bauchspeicheldrüse produziert wird und nach circa 6 Minuten wieder zerfällt.

*Nicht alle Zellen benötigen Insulin, um Glukose aufzunehmen. Die ß-Zellen selbst sowie die rote Blutkörperchen, die Schleimhäute und die Neuronen (und somit das Gehirn) sind insulinunabhängig.

Bei einer gesunden Person wird das Blut ständig mit der erforderlichen Menge an Insulin versorgt: Mit einer Erhöhung des Blutzuckers erhöht die Bauchspeicheldrüse die Produktion von Insulin und reduziert sie bei niedrigem Blutzucker. Der Blutzuckerspiegel wird also in streng definierten Grenzen gehalten und beträgt nüchtern 60 bis 100 Milligramm Glukose auf Deziliter Blut (kurz: mg/dl) und nach einer Mahlzeit nicht mehr als 150 mg/dl.

Die Hauptquelle von Glukose im Blut sind die Kohlenhydrate aus der Nahrung. Ausserdem gelangt die Glukose aus der Leber in die Blutbahn, wo diese in Form von Glykogen gespeichert wird. Daher ist es unmöglich, den Blutzuckerspiegel alleine durch Nahrungseinschränkung zu reduzieren.

 

Normalerweise öffnet Insulin die Tore in die Gewebszellen und lässt die Glukose hinein, um sie mit Energie zu versorgen. Diese Tore sind sogenannte Insulin-Rezeptoren. Sie reagieren auf Insulin.

Da die Insulin-Rezeptoren dauerhaft gestresst und überfordert sind, werden sie immer unempfindlicher (oder resistenter). Das Blut ist reich an Zucker und Insulin, aber die Zellen verhungern durch Energiemangel.

So entwickelt sich Diabetes mellitus:

Wie auf der Abbildung unten zu sehen ist, entwickelt sich die Krankheit schleichend. Abgesehen von Patienten mit genetischer Anfälligkeit (3-5%), tragen die meisten Typ-2-Diabetiker eine Selbstverantwortung bei der Krankheitsentwicklung.

Psychologie

Physiologische Aspekte haben wir bereits besprochen. Nun kommen wir zu den psychologischen Faktoren. Zuckerhaltige Lebensmittel werden oft mit positiven Gefühlen assoziiert. Man assoziiert sofort Energie, Freude und inneren Frieden. Und das ist keine Einbildung. Physiologisch gesehen, setzt der Nahrungszucker bestimmte Hormone frei und aktiviert unser Belohnungssystem*. Dopamin und Serotonin werden freisetzt – die wichtigsten Neurotransmitter, dessen Aufgabe es ist, Freude, Zufriedenheit und gute Laune zu vermitteln.

Erst wenn der „Spielverderber“ Insulin ausgeschüttet wird, unterbrechen die Glückshormone ihre Wirkung und somit den Zucker-Rausch. Dieses Hormonspiel Dopamin-Serotonion-Insulin kann eines Tages  aus den Konsumenten eine zuckerabhängige Person machen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn man mehrere Löffel Haushaltszucker zu sich nimmt, wird die Produktion von Serotonin kaum angeregt. Solche Ausschüttungen werden erst dann provoziert, wenn der Zucker mit seinem Begleiter Fett kommt und zwar in einem bestimmten Verhältnis.

 

Die Lebensmittel, die zu 49 % aus Kohlenhydraten und 35 % aus Fetten bestehen, schalten im Gehirn die Sättigungsschaltkreise aus, aktivieren das Belohnungszentrum um den 15-fachen Wert und lösen somit die sogenannte Hyperphagie aus.

„Solche Lebensmittel werden von der Nahrungsmittelindustrie gezielt entwickelt, damit sie dieses Verhalten auslösen und Menschen im Wortsinn fresssüchtig machen. Knabberartikel wie Kartoffelchips oder Süssigkeiten wecken unseren Appetit, obwohl wir gerade eine vollwertige Mahlzeit verschlungen haben.“ (11) schreibt Journalistin und DGE-Preisträgerin Eva Goris in ihrem Buch „Schmeckt’s noch“

 

„Die Kartoffelchips manipulieren die Regelkreise des Gehirns. Obwohl man satt ist, rufen die Kartoffelchips Gefühle der Belohnung hervor und überspielen die Sättigungssignale.“ (12)  erklärt Monika Pischetsrieder vom Lehrstuhl für Lebensmittelchemie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

 

Wenn das Verlangen nach Süssigkeiten nicht nur durch physiologische Notwendigkeit (niedriger Blutzuckerspiegel), sondern auch durch den Serotoninhunger verursacht wird, dann ist man bereit, unkontrolliert hochkalorischen Lebensmittel zu essen. Ein voller Verzicht auf solche Glücksmacher macht jede Diät unerträglich und langfristig gesehen sinnlos. Während einer strengen Diät, die keine Süssigkeiten erlaubt, entwickelt man am Anfang ein gutes Gefühl oder sogar Euphorie bezüglich der vermeintlich vollen Kontrolle über den Körper. Somit wird eine neue Portion an Serotonion ausgeschüttet. Man hat auch keine Lust auf Süsses. Aber wenn man plötzlich in eine Stresssituation gerät (Wut, Streit, Überforderung, Schlafmangel, Einsamkeit, Trauer), schiesst das Stresshormon-Level durch die Decke. Da die Stresshormone (Adrenalin und Cortisol) eine hohe Konzentration von Zucker im Blut erfordern, übernimmt die Psyche die Vollkontrolle und sagt: „Du brauchst und du kannst.“ 

 

Manche Ernährungsexperten nennen es „emotionales Essen“ (13). Dafür kann nicht nur Stress verantwortlich gemacht werden, sondern auch alltägliche Trigger wie:

Langeweile

Gesellschaft

Freude

schöne Erinnerungen

„All you can eat“-Buffets oder All-Inclusive-Ferien

Anlässe für Feiern

weil etwas fehlt (etwas anderes als Essen)

um sich gut und sicher zu fühlen

um sich zu belohnen

um „runterzukommen” 

oder aus Gewohnheit (z.B. vor dem Fernseher, vor dem Zubettgehen, usw.).

Süsses als Medikament. Das Problem ist, dass „emotionaler Hunger” nicht mit Lebensmitteln zu stillen ist. Die einzige Lösung hier - ist ein neues Denkverhalten.

Alternative Verhaltensweisen für Situationen finden, in denen man versucht, schlechte Gefühle durch Essen zu kompensieren. Tätigkeiten finden, mit denen man die guten Gefühle, die man sich wünscht, tatsächlich bekommen kann.

Emotionaler Hunger vs. physischer Hunger

1. Emotionaler Hunger entsteht plötzlich. Physischer Hunger entsteht allmählich.

2. Bei emotionalem Hunger hat man das starke Bedürfnis, ihn sofort zu stillen. Physischen Hunger kann man eine Zeit lang ertragen, wenn es sein muss – und mit dem Essen warten.

3. Emotionaler Hunger kann jederzeit eintreten. Physischer Hunger entwickelt sich drei bis vier Stunden nach der letzten grösseren Mahlzeit.

4. Emotionaler Hunger richtet sich auf ein bestimmtes Lebensmittel (Süssigkeiten), ohne stechendes Hungergefühl. Bei physischem Hunger reicht es, wenn man „irgendetwas Essbares” bekommt.

5. Bei emotionalem Essen bleibt der Hunger. Physischer Hunger wird durch Essen gestillt.

6. Bei emotionalem Essen hat man oft ein schlechtes Gewissen und ein Bedürfnis nach Kompensationsmassnahmen (zum Beispiel viel Sport). Das Essen aus physischen Gründen befriedigt und verleiht Zufriedenheit. (14)

 

Der Grund, warum viele Diäten scheitern, liegt wohl darin, dass die Betroffenen alle Faktoren, die dabei eine Rolle spielen (genetische Disposition, Mangel an Bewegung, fehlendes Grundwissen über Stoffwechsel und Energiebilanz, verzerrtes Bild von Lebensmitteleigenschaften, Zeitmangel, Stress), auf eine beliebige Ursache reduzieren (zum Beispiel: „Ich habe schlechte Gene“ oder „Mein Stoffwechsel ist zu langsam“). Oft sind solche Leute deprimiert und springen von einer erfolglosen Diät zur anderen.

 

Methode

Im Fokus meiner Betreuung steht nicht die Zuckeraufnahme der betreuten Personen, sondern die Personen selbst. 

Um einen Ernährungsplan zu erstellen, führe ich ein Aufnahmegespräch durch, wobei folgende individuelle Faktoren definiert werden: 

 

Vorlieben/Präferenzen

ethnische und familiäre Traditionen

Alter

Grösse

Geschlecht

Körpergewicht

Konstitution

Alltagsaktivität/Sport

Zielgewicht

Lebenssituation

Unverträglichkeiten/Allergien

 

Die Ernährungspläne sollen:

 

A. ausbalanciert sein. Ziel: Stoffwechseländerung

B. kalorienreduziert sein. Ziel: Gewichtsreduktion 

 

Ausserdem werden folgende Aspekte berücksichtigt:

 

Timing und Frequenz.

Es sollen keine Mahlzeiten ausgelassen werden und möglichst immer zur gleichen Zeit gegessen werden. Die Essenszeit soll zu persönlichen Biorhythmen und Lebensstilen angepasst werden. Unregelmässigen Mahlzeiten bei kohlendydratreduzierter Ernährungsweise können plötzlichen Heisshunger verursachen (s. Abbildung unten), was zu unkontrolliertem Essverhalten führt. Beim konstanten Essrhythmus kann der Körper rechtzeitig Verdauungsenzyme und stoffwechselrelevante Hormone produzieren. Bei intensiver geistiger oder körperlicher Arbeit ist im Vorteil alle  3-4 Stunden eine kalorienreduzierte Mahlzeit zu halten, um den zu niedrigen Blutzucker zu vermeiden.

Abwechslung durch Vielfalt.

Eine abwechslungsreiche ausbalancierte Ernährung, die tierische und pflanzliche Lebensmittel enthält, hat wesentliche Vorteile. Sie ist:

A. leichter und langfristig durchsetzbar.

B. beinhaltet die ganze Vielfalt von Makro- und Mikronährstoffen, die für den Körper von Bedeutung sind.

C. die Mangelerscheinungen sind dabei so gut wie ausgeschlossen.

 

Solche Vielfalt kann mit folgenden Lebensmittelgruppen gewährleistet werden:

Milchprodukte (Milch, Quark, Hütten-, Schaf- und normale Käse, Skyr, Joghurt, Kefir, Eiweiss-Drinks)

Gemüse, Tofu, Obst, Beeren (frisch oder Tiefkühlkost)

Fleisch, Geflügel, Fisch, Meeresfrüchte, Eier (tierische Eiweissquellen)

Hülsenfrüchte, Getreideprodukte, Naturreis

Fette (vor allem pflanzliche)

 

Chemische Zusammensetzung von Lebensmitteln:

Biologische Wertigkeit, thermische Stabilität von bestimmten Vitaminen und Fettsäuren, Gegenwirkung von bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen, Verdauungszeit – all diese Faktoren werden berücksichtigt, damit die Nährstoffe ihre positive Wirkung entfalten können.

 

Ballaststoffe:

Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Aktivität der Verdauungsorgane, beeinflussen ihre Peristaltik und Absorption von Nährstoffen im Dünndarm. Die Ballaststoffe sind Lebensraum und wichtige Ernährungsquelle von Bakterien im Darm. Ausserdem sättigt ballaststoffreiche Nahrung länger, da die Resorptionsdauer solcher Nahrung länger ist. Während der Betreuung werde ich Chiasamen, Flohsamenschalen, sowie Vollkornprodukte in die Pläne integrieren.

 

Süssstoffe:

Das Essverhalten eines durchschnittlichen Europäers wurde durch die moderne Lebensmittelindustrie so geprägt, dass naturbelassene und ungesüsste Lebensmittel (Quark, Naturjoghurt, Wasser) kaum konsumiert werden. Jörg Blech schreibt in seinem Buch „Schmeckt's noch?“: „Die Ernährungsindustrie tischt uns neuartige Nahrungsmittel auf, die uns nicht mehr gesund machen, sondern krank. Hinter den geschlossenen Türen der Industrie verwandeln Forschungsköche echte Lebensmittel in Kunstprodukte voller Zucker, Salz und Fett. Ultraverarbeitete Nahrungsmittel sind aus sich selbst heraus unverträglich und unerträglich“. (12)

Da ich die Kunden von „emotionalem Essen“ möglichst fernhalten möchte, empfehle ich ihnen Zero-Sirups oder sogenannte Flavdrops einzusetzen. Diese sollen die fehlende Süsse im Wasser oder Milchprodukten kompensieren. Schon ein paar Tropfen von dem hochkonzentrierten Aromastoff genügen, um dem Wasser, Quark, Hüttenkäse oder Naturjoghurt einen leckeren Süssgeschmack zu verleihen. Den Süssstoffen werden negative Eigenschaften zugewiesen, die bisher nicht schlüssig erwiesen sind. Sie enthalten keine Kalorien, keinen Alkohol und keine Farbstoffe.

 

Xylit:

Xylit zählt zu den Zuckeraustauschstoffen, hat einen zuckerähnlichen Geschmack und die gleiche Süsskraft wie Haushaltszucker. Xylit hat einen niedrigen physiologischen Brennwert (2.4 kcal/g) und beeinflusst den Blutzucker- und somit auch den Insulinspiegel nur geringfügig (< 50%) im Vergleich zum Haushaltszucker. Xylit kann ich für sportlich aktive Kunden einsetzen, da diese in gewissen Situationen (wie Wettkämpfen) auf schnelle Kohlenhydrate angewiesen sind und Xylit dabei eine gesunde Alternative zum Zucker sein kann. Zudem kann die abführende Wirkung von Xylit von Nutzen sein, da es bei einer radikalen Ernährungsumstellung oft zu Obstipationen (Verstopfungen) kommt.

 

Getränke und Flüssigkeit:

Das Wasser unterstützt den Stoffwechsel und hilft dabei, die Abbauprodukte wieder aus dem Körper zu transportieren. Ausserdem verbraucht man zusätzliche Energie, um aufgenommene Flüssigkeit auf die Körpertemperatur aufzuwärmen. Meine Kunden sollen möglichst viel trinken (mindestens 2 Liter/Tag), ohne auf ein Durstgefühl zu warten. Ausserdem verwechselt man oft Hunger mit Durst – es kann meinen Kunden helfen, Heisshunger oder die Lust auf Süsses zu vermeiden.Hahnenwasser, Sprudelwasser, Zero-Getränke, Tee, Kaffee sind während der Betreuungsdauer erlaubt. 

Beta-Glucane 1.3-1.4

Beta-Glucane 1.3-1.4 ist eine Verbindung von bestimmten Glucose-Molekülen in Zellwänden mancher Getreidesorten (zum Beispiel Hafer, Gerste). Beta-Glucane aus diesem Getreide erhöhen die Viskosität des Speisebreis im Magen-Darm-Trakt. Sie verzögern so den Aufschluss von Kohlenhydraten zu Zucker und die Resorption ins Blut, was zu einem geringeren Anstieg des Blutzuckerspiegels nach den Mahlzeiten und einer verringerten Insulinausschüttung führt. (15) Da diese Wirkungen meinem Beratungsziel entsprechen, werde ich mit Beta-Glucane angereichte Lebensmittel in Form von Hafer und Gerste in die Ernährungspläne aufnehmen. 

Sekundäre Pflanzenstoffe 

Sekundäre Pflanzenstoffe sind Bestandteile von Gemüse, Früchten, Hülsenfrüchten, Nüssen und Vollkornprodukten und geben pflanzlichen Lebensmitteln ihre Farbe und ihr Aroma. Sekundären Pflanzenstoffen werden gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben wie immunmodulierend, cholesterinsenkend oder antioxidativ. Da meine Ernährungspläne einen positiven gesundheitlichen Effekt bewirken sollen, werden meine Kunden schätzungsweise bis zu 2 g an sekundären Pflanzenstoffen /Tag mit der Nahrung zu sich nehmen.

 

Nahrungsergänzungsmittel

Multivitamine und Mineralstoffe werden im Körper für verschiedenste Stoffwechselprozesse benötigt. Dieser Bedarf kann mit einer ausgewogenen Ernährung abgedeckt werden. Vitamin- und Mineralstoffsupplemente sind grundsätzlich nicht notwendig und können eine gesunde Ernährung nicht ersetzen. Jedoch empfehle ich meinen Kunden folgende Nährstoffe zu supplementieren, da die meisten Mitteleuropäer einen Mangel daran haben: 

Vitamin D (als Tropfen, erhältlich in der Apotheke) ist wichtig für das Immunsystem, für Knochen- und Zahnstärke. Der Mangel an Vitamin D kann unter anderem zu Infektionsanfälligkeit führen. 

Omega-3 (wird als Fischöl in die Ernährungspläne integriert) sind essentielle Fettsäuren, die das Risiko der Herzrhythmusstörungen reduzieren, Blutfette senken, Blutdruck normalisieren und die Blutgefässe von den Ablagerungen reinigen. Der Mangel an Omega-3-Fettsäuren kann unter anderem zu Schwierigkeiten beim Abnehmen führen. 

 

Alkoholverzicht 

Biochemisch gesehen, senkt der reine Alkohol den Zuckergehalt im Blut. Aber zu versuchen den erhöhten Blutzucker mit Alkohol zu reduzieren, ist keine gute Idee. Erstens schädigt der Alkohol die Leber. Zweitens enthalten die meisten alkoholischen Getränke (Bier, Wein, Sekt) auch verschiedene Zuckerarten. Darum steigt nach der Alkoholeinnahme der Zuckergehalt im Blut stark an. Zusätzlich werden die „leeren“ Kalorien nicht wahrgenommen und führen nach Insulinausschüttung sogar zum Heisshunger. 

 

Entspannung und Schlaf

Ausreichender Schlaf, Atemübungen, autogenes Training, Meditation, lesen oder einfach eine Massage verhindern, dass die Stresshormone (die Fettverbrennung blockieren und dauerhaft schädlich sind) ausgeschüttet werden.

Schlusswort 

Schon ein mehrwöchiger Verzicht auf Zucker und verarbeitete Lebensmittel reduziert nachweislich den Nüchternblutzucker. Eine Risikosenkung für die Diabetes-2-Entwicklung sowie viele andere Erkrankungen, bei denen der Zuckerkonsum eine Rolle spielt, kann allerdings nach achtwöchigem Ernährungsprogramm nicht erwartet werden. Erst wenn die Person einen Weg findet, mit deutlich weniger Zucker als vorher, aber gleich gesättigt und befriedigt durch den Tag zu kommen, und zwar ein Leben lang, kann man von gesundheitlichen Vorteilen reden. 

 

Eine konsequente und nachhaltige Ernährungsumstellung kann allerdings nicht in acht Wochen erreicht werden. Die Essgewohnheiten, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben und tief (physiologisch sowie auch psychisch) eingeprägt sind, können nicht von heute auf morgen umgestellt werden, vor allem nicht so radikal, wie manche Kunden sich wünschen. Nur wenn die Kohlenhydrate allmählich reduziert werden, kann sich der Körper besser an den „neuen Zustand“ gewöhnen. Meine Vermutung ist, dass der Mangel an Kohlenhydraten oft als Energiemangel empfunden wird, weil der Fettstoffwechsel kaum trainiert ist. Idealerweise sollte zunächst die Energiemenge nicht reduziert werden, sondern nur der Kohlenhydratanteil. Erst wenn der Fettstoffwechsel richtig gut läuft, sollte man die Mengen von Fetten reduzieren, um ein Kaloriendefizit zu erreichen. Der Kohlenhydratmangel kann einen enormen physiologischen und psychischen Stress auslösen und ich gehe davon aus, dass nach der Betreuungsphase vorerst „normal" gegessen wird, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und das Gewicht.

 

Anderseits fehlte den Personen das Wissen, warum ein konkretes Lebensmittel für sie wichtig ist. Welche chemischen und physiologischen Vorteile hat es gegenüber den anderen Lebensmitteln? Das abstrakte Ziel abzunehmen, das meine Kunden als Motiv haben, ist nie inspirierend genug, wenn es nur auf hypothetische äussere Vorteile gerichtet ist. Die gesundheitlichen Vorteile zeigen sich selten sofort und auch langfristig können sie nur indirekt mit der Ernährung in Verbindung gebracht werden und bleiben oft verborgen. Kein Diabetes mit 65 bleibt auch unbemerkt. In der heutigen Gesellschaft gibt es immer mehr Faktoren, die einen enormen Einfluss auf die Gesundheit haben. Alleine durch zuckerreduzierte Ernährung können andere negativen Faktoren nicht neutralisiert werden. Darum kann ich nachvollziehen, dass die Vorteile einer Ernährungsumstellung oft nur auf „Abspeckdiät kurz vor den Ferien" reduziert werden. Das ist sozusagen auf Fettpölsterchen angewandte Ernährungswissenschaft. 

 

Der grösste Stolperstein für meine Kunden ist wohl der Prozess der Umgewöhnung und der bewussten Umstellung. Zudem fehlt ihnen der Verzicht auf Essgewohnheiten und deren Neuordnung schwer. Dieser „Nachteil“ ist jedoch kein gesundheitlich bedenklicher Punkt und kann durch qualifizierte Psychotherapeuten oder einen starken Trigger gelöst und bewältigt werden.

 

Erwähnenswert ist auch ein „Vorwissen“ von den Kunden, die oft mit parawissenschaftlichen Mythen durch Medien und Blogger „programmiert“ wurden. 

Die Medien reagieren oft hysterisch und berichten „Fake News“ über mögliche schwere gesundheitliche Nebenwirkungen und Problemen bei allen Ernährungsformen, auch bei Low Sugar Diet. Für den Erfolg ist es notwendig, sich selbst bei vertrauenswürdigen Quellen zu informieren und jedem Ernährungshype eine gesunde Portion Skepsis entgegenzubringen.

QUELLEN

1 Universität Göttingen: Portal Diabetes Online 27.04.2017

2 Armin Scheben, David Edwards. Silence 17 Mar 2017: Vol. 355, Issue 6330, pp. 1122-1123

3 https://ig-erfrischungsgetraenke.ch/

4 Infografik Welt N24 Online 07.05.2013

5 Fachjournal „Diabetes Care“ Mai 2016

6 Circulation. 2004;109:e314

7 Kiyatkin EA, Wakabayashi KT, Lenoir M : ACS Chem Neurosci, 2013

8 Die Ketogene Ernährung bei Krebserkrankungen. Universitätsklinikum Würzburg März 2010

9 Glukose wird zur Synthese von Brenztraubensäure und Citronensäure gebraucht, die für die Synthese bestimmter Aminosäuren verwendet werden.

10 Thews: Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie des Menschen; 6. Auflage S. 

11 Eva Goris. „Schmeckt’s noch? Die Wahrheit über die Praktiken der Lebensmittelindustrie“ Taschenbuch – 10. Juni 2010

12 Zitiert aus dem Buch von Jörg Blech „Schmeckt's noch?“ - 2. Auflage 2017

13 Paul McKenna, Hypnotherapeut

14 Blogartikel vom Mark Maslow „Emotionales Essen: Warum Du isst, obwohl Du keinen Hunger hast“

15 Amtsblatt der Europäischen Union, Verordnung (EU) Nr. 1048/2012 Der Kommission vom 8. November 2012 zur Zulassung einer gesundheitsbezogenen Angabe über Lebensmittel betreffend die Verringerung eines Krankheitsrisikos, Artikel 14 Absatz 1 Buchstabe a: gesundheitsbezogene Angabe über die Verringerung eines Krankheitsrisikos.